TL;DR
Polynesische Seefahrer navigierten tausende Kilometer über offenes Meer – ohne Karten und Kompass. Trotzdem entdeckten sie neues Land. Hierfür brauchte es Navigationsstrategien, die heute kaum mehr verfügbar sind. Das genaue Lesen und Interpretieren der Umwelt: Wind, Wellen, Sterne. So gelang es ihnen, ihren Kurs permanent anzupassen. Diese Prinzipien lassen sich übertragen. Auf heutige Situationen großer Ungewissheit, in denen Planen unmöglich wird.
Der Systemtheoretiker Gunther Schmidt hat daraus eine Metapher für den Umgang mit Ungewissheit geprägt: Polynesisches Segeln. Nicht planen, sondern navigieren. Nicht Ergebnisse kontrollieren, sondern Handlungsspielräume erweitern. Sich an den eigenen Ressourcen orientieren statt an fixen Zielen. Das Konzept basiert u.a. auf der Effectuation-Forschung von Saras Sarasvathy, die beschreibt, wie erfahrene Unternehmer*innen unter Ungewissheit handeln und in unklaren Situationen Neues in die Welt bringen.
Was dich im Artikel erwartet
- Warum Ungewissheit kein Problem ist, sondern ein Gestaltungsraum – und warum wir die Kompetenz dafür längst in uns tragen
- Die Prinzipien des Polynesischen Segelns: Wer bin ich? Was kann ich? Wen kenne ich? Was kann ich tun?
- Sechs praktische Übungen zum Ausklappen – drei fürs innere Erleben (nach Günther Höhfeld), drei fürs unternehmerische Handeln (aus der Piratize-Toolbox)
- Polynesisches Segeln als Führungskonzept in Krisenzeiten, mit einem Praxisbeispiel aus dem Coaching
- Vom Segeln zum Kapern: wie Piratize aus der Metapher ein unternehmerisches Framework macht
Die Quellen
Simon Steiner ist selbst Hochseesegler, Innovationsstratege, Unternehmer und Experte für Effectuation. Außerdem ist er Urheber des unternehmerischen Konzepts Piratize und forscht zu Nebelkompetenzen und organisationaler Resilienz. Er verbindet in diesem Text eigene Erfahrungen aus dem Hochseesegeln und der unternehmerischen Praxis mit Impulsen, Übungen und Gedanken von Gunther Schmidt, Günther Höhfeld, Caprice Oona Weissenrieder und Stephan Druckrey.
Polynesisch Segeln – was ist das?

Wer schon einmal segeln war, weiß das: Trotz sorgsamster Planung, seglerischer Ausbildung, Erfahrung und Kompetenz das Schiff technisch zu bedienen, trotz modernster Instrumente für Navigation und Betrieb, treten permanent Situationen auf, die nicht vorhersehbar waren. Mit diesen Situationen muss im Falle des Eintretens konstruktiv umgegangen werden. Diese Ereignisse lassen sich kaum voraussagen, schwer mit einkalkulieren, geschweige denn verhindern oder managen. Wir sprechen hier auch von sogenannten Nebelkompetenzen.
Wer sich öfter in den Sturm begibt, lernt intuitiv Strategien im Umgang mit solchen Situationen und ist somit auch besser gewappnet, dem Ungewissen im Privaten und Beruflichen zu begegnen.
Aber diese Strategien sind auch erlernbar, ohne aufs offene Meer hinaus zu fahren und Ungewissheit aktiv zu suchen.
Warum wir das jetzt brauchen
Wir erleben derzeit eine Welt größter Ungewissheit. Globale, politische, technische, gesellschaftliche und vor allem ökologische Disruptionen fordern uns in einem nie dagewesenen Maße heraus. Wir wissen, dass wir nicht imstande sind, unseren gewohnten, stabilen Zustand zu erhalten. Wer ein "weiter so" predigt, entlarvt sich schnell als weltfremd.
Gleichzeitig können wir nicht erkennen, wohin wir treiben und wo wir Stabilität vorfinden können. Wir sind orientierungslos, stochern im Nebel. Das führt zu Ängsten und wir neigen dazu, einfache, oft unterkomplexe Antworten zu suchen, die aber unser Problem nicht lösen können.
In den letzten Dekaden konnten wir es uns bequem machen. Das Leben lief einigermaßen reibungslos, Dinge schienen planbar, managebar.
Das Problem ist nur – das wissen wir aus der Seefahrt: wenn man zu lange den Kurs nicht verändert, rostet das Ruder ein oder wird von Seepocken bewachsen. Das geschieht schleichend und man verlernt, mit sich verändernden Rahmenbedingungen umzugehen. Die Manövrierfähigkeit geht verloren. Wir sind überfordert, wenn die äußeren Bedingungen eine Kurskorrektur erzwingen.
Eine Reaktion, die wir sehr häufig beobachten, wenn Dinge sich verändern ist: man sucht oder erschafft sich Sündenböcke. Der Wunsch, dass der Kurs sich nicht verändert, ist nachvollziehbar. Die Frustration darüber, wenn er angepasst werden muss, aber das Ruder klemmt, groß.
Man fühlt sich machtlos und reagiert nach dem Motto: "Wenn das Ruder klemmt, dann geben wir eben dem Wind die Schuld!"
Mit Ungewissheit mussten Menschen seit Jahrtausenden umgehen
Das Gute aber ist: Wir fangen nicht bei null an. Aus diesem uralten Umgang mit dem Ungewissen sind intuitive Strategien entstanden, die uns handlungsfähig halten – die Grundlagen des unternehmerischen Denkens und Handelns.
Zeiten der Stabilität können dazu führen, dass wir uns diese intuitiven Strategien abtrainieren. Das Verwalten der Stabilität nimmt überhand. Monokausales Denken, Excel-Tabellarismus, unterkomplexe BWL-Logiken halfen uns, den stabilen Zustand bestmöglich für uns zu nutzen und in "Wohlstand" zu verwandeln. Durch diesen vermeintlichen Wohlstand und die Weigerung, die Komplexität der Welt in unsere Entscheidungen einfließen zu lassen, laufen wir Gefahr, den stabilen Zustand bröckeln zu lassen. Stabile Ökosysteme sind die Essenz stabiler Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme. Sie sind die Grundlagen für das, was wir Wohlstand nennen. Strapazieren wir sie in unserer Bequemlichkeit zu sehr, geraten sie aus dem Gleichgewicht. Das hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Instabilität ist die Folge. Dieser Zustand ist eingetreten.
Es ist Zeit, alte Strategien im Umgang mit dem Neuen, dem Ungewissen zu reaktivieren.
Das Polynesische Segeln ist eine dieser Strategien, die uns helfen, mit dem Ungewissen umgehen zu können. Diese für viele fast geheimnisvoll anmutende Praxis ist seit Jahrzehnten Gegenstand der Forschung. Hier führen wir euch in die Praxis ein. Und wer danach die unternehmerische, weniger weiche Gangart sucht: Die liefert Piratize, weiter unten im Artikel.
Aufmerksamkeit
In einer Krise hat man immer eine Wahl, wohin die Aufmerksamkeit gelenkt wird und kann sich somit zu neuem Erleben einladen. Wer seine Aufmerksamkeit nur auf dem Alten liegen hat, wird überrascht sein, wenn das Neue das Alte ersetzt.
Menschliches Erleben basiert auf der Fokussierung der Aufmerksamkeit. Das bedeutet: abhängig davon, worauf die Aufmerksamkeit gerade gerichtet ist, wird unweigerlich das damit verbundene Erlebnisnetzwerk aktiviert. Es wird zum gegenwärtig dominierenden Erleben und als "Ich" wahrgenommen. Zwar erschafft man sein Leben nicht selbst, aber im Wesentlichen das eigene Erleben.
In der Zwischenwelt
"Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster"
Das sagte Antonio Gramsci, ein italienischer Schriftsteller und Philosoph im Jahre 1937. Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren werden kann.
Derzeit befinden wir uns wieder in einer Art Zwischenwelt. In einer Welt zwischen zwei stabilen Systemzuständen. Der alte stabile Zustand bricht derzeit zusammen. Noch einmal bäumt sich das fossile Zeitalter bedrohlich auf, zeigt uns, wie abhängig wir sind und wie unfähig, uns aus den Abhängigkeiten zu befreien, die zwangsläufig unsere Lebensgrundlage bedrohen und zerstören. Wir kleben an einem fossilen Wohlstand, den wir nicht verlassen wollen, weil wir nicht sehen können, an welches Ufer wir uns retten können, während wir sehen, wie das Schiff, auf dem wir sitzen, sinkt. Diesen Zwischenstand nutzen der Populismus und die Demagogie. Hohle Versprechen von ganz rechts, aber auch aus der Mitte versuchen uns vorzugaukeln, dass alles gut wird und wir nur den Märkten vertrauen müssen. Aber die meisten wissen, dass das nicht stimmt. Was aber stimmt, weiß auch niemand genau. Das ist Krise.
Krisenerleben
Krisenerleben bedeutet, sich ausgeliefert, hoffnungslos und ohne Wahlmöglichkeiten zu fühlen. Man hat das Gefühl, gefangen zu sein und aus diesem Zustand herauskommen zu müssen. Genau das ist jedoch oft nicht möglich, und man muss sich mit dieser Realität abfinden.
In Krisenzeiten herrschen oftmals unsichere Bedingungen, und man weiß nicht, was die Zukunft bringen wird. Sich in solchen Momenten strikte Ziele zu setzen, kann von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Daher ist es ratsam, den Fokus von den Zielen wegzulenken. Das bedeutet nicht, ziellos zu sein, sondern den Blick auf das zu richten, was gestaltet werden kann. Und das Gestalten findet im Hier und Jetzt statt, nicht in der Zukunft. Genau darin liegt die Kunst des Polynesischen Segelns.
Kurs finden bei ungewissem Ausgang
Polynesisches Segeln symbolisiert die Fähigkeit, in unsicheren Zeiten Handlungsspielräume zu schaffen und Krisen bestmöglich zu bewältigen. Es geht darum, Zielvorstellungen zu definieren, sich nicht vom Ergebnis abhängig zu machen und trotzdem entschlossen loszusegeln.
Der Segler, Autor und Gelehrte David Lewis beschreibt in seinem Klassiker "We, The Navigators", wie die Polynesier die Inseln auf einem riesigen Ozean erreicht haben. Ohne GPS und ohne Gewissheit, ob es dort überhaupt Land gibt. Dennoch segelten sie weiter, immer auf der Suche nach neuen Horizonten.
Sie taten dies in der Haltung, das Ziel nicht unbedingt erreichen zu müssen. Denn die Funktion des Ziels ist nicht, es zu erreichen, sondern in Bewegung zu kommen. Ähnlich einem Polarstern. Er gibt Orientierung, dient aber nicht dem Zweck erreicht zu werden.
Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. – Vaclav Havel
Wie der tschechische Schriftsteller und Politiker Vaclav Havel zum Ausdruck brachte, geht es beim Prinzip Hoffnung nicht um die Gewissheit, dass das, was man will, eintritt, sondern um die innere Sicherheit, dass das, was man tut, Sinn hat.
In Krisen ist es wichtig, eine ergebnisunabhängige Strategie zu verfolgen, auch wenn man sich nach dem Ergebnis sehnt. In solchen Situationen muss man unter anhaltenden, nicht auflösbaren Unsicherheitsbedingungen Entscheidungen treffen. Wenn das Ergebnis die einzige Quelle der Sicherheit ist, wird man schnell zum Opfer der Umstände. Das Ergebnis kann man nicht garantieren, aber man kann wie die Polynesier segeln und herausfinden, wie man auf dem Weg optimal navigiert.
Die Prinzipien: vier Fragen als Kompass
Das Hauptprinzip im Polynesischen Segeln besteht darin, sich auf die eigenen Ressourcen und Gestaltungsmöglichkeiten zu besinnen und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern. Dabei orientiert man sich an den persönlichen Ressourcen, die die verfügbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten bestimmen, um veränderliche Ziele ins Auge zu fassen – und nicht umgekehrt. Dazu gehören: wer man ist, was man weiß, wen man kennt und was man tut.
Wer bin ich?
Wie kann ich herausfinden, wer ich bin? Was ist meine Haltung, meine Werte. Was macht mich aus? Wohin zieht es mich und was stößt mich ab und warum?
Oder in einer persönlichen Krisensituation: Wie kann ich mich selbst unterstützen, aufbauen, aktivieren und mit der anhaltenden Unsicherheit auf diesem mutigen Weg durch die Krise umgehen? Was ist mir wichtig? Wofür möchte ich da sein? Und wer möchte ich gewesen sein?
Was weiß bzw. kann ich?
Was habe ich gelernt? Welche Erfahrungen habe ich gemacht? Wo liegen meine Kompetenzen? Mein erworbenes Wissen, aber auch meine inhärenten Persönlichkeitseigenschaften (z.B. strukturiertes Arbeiten, Kreativität, oder Führungskompetenz)?
Oder in einer persönlichen Krisensituation: Welche Krisen habe ich in meinem Leben bereits bewältigt? Wie kann ich mich in diese Situationen hineinversetzen? Wie kann ich die Zeit nachempfinden, in der ich die Krise gerade bewältigt habe? Wie kann ich wieder Zugang zu diesen Handlungsstrategien bekommen?
Wen kenne ich?
Welche Netzwerke habe ich? Mit wem kann ich mich verbünden? Welchen Verlust kann ich gerade noch akzeptieren?
Was kann ich dann tun?
Wie gestalte ich meine Interaktionen mit anderen Menschen? Welche Vereinbarungen treffe ich?
Learn, unlearn, relearn: Handlungsoptionen freilegen
Dabei sind alle Kompetenzen zur Krisenbewältigung bereits vorhanden – sie sind in uns. In jedem von uns existiert ein unbestechliches intuitives, weil über Jahrtausende angeeignetes Wissen und ein riesiges Repertoire an Kraftreserven, die angezapft werden können. Hierfür müssen wir uns aber hin und wieder mal vergegenwärtigen, dass wir erworbenes Wissen auch wieder verlernen müssen, gemäß der Logik: Learn, unlearn, relearn! Also lernen, verlernen, neu lernen.
Insbesondere wenn wir in monokausalen Logiken geschult sind (z.B. in BWL, Jura oder Projektmanagement), haben wir bestimmte inhärente Fähigkeiten überschrieben. Wir halten dann Ressourcen-orientierte Strategien für falsch. Aber diese sind wichtig in Zeiten, in denen keine Pläne funktionieren. Also in Umbruchphasen. Hier müssen wir das akquirierte Wissen zur Seite schieben, um anderen Strategien Platz zu machen. Das Intuitive wirkt sonst konterintuitiv und wird von unserer Einstellung abgelehnt. Gelingt uns das, finden wir Fähigkeiten, die Kraft und Hilfe geben können, die Krise zu bewältigen. Doch während des Krisenerlebens sind sie oft unzugänglich. Entscheidend ist, eine Erlebnisposition aufzubauen, aus der heraus man Phänomene anders betrachten kann. Dies bedeutet, eine Position mit Abstand, Überblick und sicherem Schutz einzunehmen.