Entrepreneurship Compass · Wertversprechen · Feld „Zielgruppe

Eine echte Person beschreiben

Mach aus „alle, die sowas brauchen" einen Menschen, den du anrufen könntest.

„Alle, die X brauchen" ist keine Zielgruppe — das ist eine Hoffnung. Solange du keine konkrete Person vor Augen hast, kannst du nichts prüfen: Du weißt nicht, wen du fragen sollst, wo du sie findest, wie sie redet. Dieses Blatt macht aus dem Nebel ein Gesicht. Dauert 20 Minuten, verändert alles danach.

Der Kern: Du brauchst keine Statistik über deinen Markt. Du brauchst eine Person, deren Dienstag du beschreiben kannst — und deren Problem so konkret ist, dass sie nickt, wenn du es aussprichst.
Das Handwerk dahinter

Die meisten Zielgruppen-Beschreibungen scheitern an einem Denkfehler: Sie beschreiben Menschen, aber gekauft wird in Situationen. Bob Moesta, der die „Switch-Interview"-Technik bei der ReWired Group entwickelt hat, arbeitet deshalb nicht mit Personas, sondern mit dem Moment des Wechsels. Sein Werkzeug dafür sind vier Kräfte, die bei jeder Kaufentscheidung gegeneinander ziehen:

DruckWas an der heutigen Lage weh tut. Ohne Druck passiert nichts — auch nicht bei einem guten Angebot.
SogWas am Neuen zieht. Das Bild davon, wie es besser wäre.
AngstWas am Neuen Sorge macht: Aufwand, Blamage, Fehlkauf.
GewohnheitWas am Alten hält. Meistens der stärkste Gegner — und der, der am seltensten mitgedacht wird.

Gekauft wird, wenn Druck und Sog stärker sind als Angst und Gewohnheit. Das heißt für dich: Deine Person ist nicht dann reif, wenn sie das Problem hat, sondern wenn sie angefangen hat, nach etwas anderem zu schauen. Diesen Moment suchst du unten in Schritt 2.

Vier Kräfte: Bob Moesta / ReWired Group, im Umfeld von „Jobs to be Done" (Clayton Christensen).

1 Sammel deine Kandidat:innen

Nicht ausdenken — erinnern. Echte Menschen, die dir schon begegnet sind:

An wen hast du gedacht, als dir die Idee zu deinem Angebot kam?
Wer hat schon gekauft, gefragt oder sich beschwert, dass es sowas nicht gibt?
Wer in deinem Umfeld hat das Problem — auch wenn er nie kaufen würde?

2 Wähl eine — und beschreib ihre Situation

Nicht Alter und Wohnort. Die Situation macht die Zielgruppe, nicht die Demografie. Zwei Menschen mit gleichem Alter und Einkommen können völlig verschiedene Probleme haben — zwei Menschen in derselben Situation fast nie.

Rolle und Kontext: Was macht sie, in was für einem Laden, mit wie vielen Leuten?
Der Problemmoment: Wann genau tritt das Problem auf? Welcher Wochentag, welche Uhrzeit, welcher Anlass?
Die heutige Krücke: Was tut sie jetzt, um das Problem zu lösen — oder zu umgehen?
Der Auslöser: Was müsste passieren, damit sie anfängt zu suchen? (Kündigung, Beschwerde, Umzug, neue Vorschrift, dritter Fehler in Folge …)

3 Die vier Kräfte an deiner Person prüfen

Jetzt der Teil, den fast niemand macht. Trag ein, was bei dieser Person zieht und was bremst. Die rechte Spalte ist die wichtigere: Sie sagt dir, woran dein Angebot scheitern wird.

Druck
was heute weh tut
Sog
was am Neuen zieht
Angst
was Sorge macht
Gewohnheit
was am Alten hält
Ablesen: Wenn du bei Druck nichts hinschreiben kannst, hast du kein Kaufproblem — dann bleibt es beim „interessant". Wenn Angst und Gewohnheit die längeren Einträge sind, liegt deine Arbeit nicht am Angebot, sondern am Einstieg: kleinerer erster Schritt, Rückgaberecht, Probelauf, jemand, der es vormacht.

4 Nur bei Firmenkunden: Wer leidet, wer zahlt, wer blockiert

Im Geschäft mit Firmen ist die Person, die das Problem hat, oft nicht die, die den Auftrag freigibt — und fast nie die, die ihn verhindern kann. Wenn du nur mit einer davon redest, bekommst du ein Ja, das nichts wert ist.

Leidet
Zahlt
Blockiert

Bei Carla: Es leidet die Office-Managerin, es zahlt die Geschäftsführung, blockieren kann die Buchhaltung (Rahmenvertrag, Lieferantenliste). Ihr Angebotstext muss für alle drei etwas hergeben — Entlastung, Preis, Rechnungsfähigkeit.

5 Der eine Satz

Jetzt verdichten nach diesem Muster: Person in Situation, die im Moment X mit Krücke Y kämpft.

Meine Person
So sieht das ausgefüllt aus — bei Carla (Catering, zwei Leute)

Vorher: „Firmen, die Essen brauchen."

Nachher: „Die Office-Managerin einer 30-Leute-Agentur, die zum dritten Mal dieses Jahr ein Team-Event organisieren muss — neben ihrem eigentlichen Job — und dafür drei Tage E-Mails mit Caterern hin- und herschreibt."

Mit dem ersten Satz konnte Carla nichts anfangen. Mit dem zweiten wusste sie, wen sie anruft, wo sie wirbt und was auf ihre Website gehört.

6 Der Realitätscheck

Die härteste Frage zum Schluss:
Kenne ich drei echte Menschen, auf die diese Beschreibung passt? (Namen unten hinschreiben — Initialen reichen.)
Könnte ich eine davon diese Woche anrufen und nach ihrem Problem fragen?
Wenn du keine drei Namen hast, ist deine Person noch ein Wunschbild. Dann zurück zu Schritt 1 — oder raus und welche finden: Da, wo deine Person ihre Krücke kauft, ihre Fragen stellt, sich beschwert.

Drei Stolperfallen

  • Demografie statt Situation. „Frauen, 30–50, urban" kauft nichts. Die Situation — „muss zum dritten Mal ein Event organisieren" — kauft.
  • Die Wunschkundin. Beschreib, wer das Problem wirklich hat — nicht, mit wem du gern arbeiten würdest. Das darf sich später decken, muss aber hier ehrlich anfangen.
  • Zu früh verbreitern. „Aber es passt doch auch für …" — ja, später. Erst eine Person scharf, dann wachsen. Wer für alle schreibt, erreicht niemanden.

Zurück ins Werkzeug

Dieses Blatt gehört zur Etappe Wertversprechen der Standortbestimmung. Dort geht es weiter — mit deinem Stand, deiner Diagnose und dem nächsten Schritt.

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