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Moderation & Facilitation

03. Oktober 2026 · 6 Min. Lesezeit

Bürgerbeteiligung mit Werkstatt-Formaten: Zukunftswerkstatt, Charrette, Visionenwerkstatt und was daraus wird

Die Bürgerversammlung mit Mikrofon im Gang erzeugt Reden, keine Ergebnisse. Werkstatt-Formate holen Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit an einen Tisch. Hier stehen die wichtigsten Formate, wann welches passt und wie Beteiligung beschlussfähig bleibt.

Bürgerbeteiligung hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, und das liegt selten an den Bürgerinnen und Bürgern. Es liegt an Verfahren, die Erwartungen wecken, die sie nicht einlösen können: Beteiligung zu einem Entwurf, der schon feststeht. Wunschzettel, die in keiner Vorlage mehr auftauchen. Eine dritte Versammlung, in der dieselben Leute dieselben Punkte machen. Werkstatt-Formate lösen einen Teil davon, weil sie die Beteiligten arbeiten lassen, und weil sie von Anfang an auf ein Ergebnis zulaufen, das in ein Gremium passt. Welche Formate es gibt und was sie leisten, steht hier.

Was eine Werkstatt von einer Anhörung unterscheidet

In einer Anhörung reagieren Menschen auf etwas Fertiges. In einer Werkstatt entwickeln sie etwas. Das klingt nach einem kleinen Unterschied und verändert alles: die Sitzordnung (Tische statt Stuhlreihen), die Rollen (Verwaltung arbeitet mit, moderiert aber nicht), die Spielregeln (was ist verhandelbar, was nicht) und den Ausgang (eine Vorlage statt eines Protokolls mit Wortmeldungen).

Eine Werkstatt braucht deshalb drei Dinge, die vor der ersten Einladung geklärt sind: Welche Entscheidung steht am Ende, wer trifft sie, und was passiert mit dem, was nicht umgesetzt wird. Fehlt eine der drei Antworten, erzeugt die Werkstatt genau die Erwartungen, die Beteiligung in Verruf gebracht haben.

Die wichtigsten Werkstatt-Formate für Kommunen

Zukunftswerkstatt

Das Format geht auf Robert Jungk zurück und läuft in drei Phasen: Kritik, in der alles auf den Tisch darf, was stört; Fantasie, in der ohne Rücksicht auf Machbarkeit entworfen wird; Verwirklichung, in der die Ideen auf den Boden geholt und in Schritte übersetzt werden. Die Zukunftswerkstatt passt, wenn ein Thema festgefahren ist und die Beteiligten erst einmal ihren Frust loswerden müssen, bevor sie gestalten können. Sie dauert einen bis zwei Tage und funktioniert mit Gruppen bis etwa 30 Personen gut.

Charrette

Die Charrette stammt aus der Stadtplanung: ein intensives Werkstattverfahren über mehrere Tage, in dem Planerinnen, Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit gemeinsam entwerfen, mit öffentlichen Zwischenpräsentationen und einem Ergebnis, das in den weiteren Planungsprozess eingeht. Die Charrette passt für konkrete Flächen und Orte, bei denen am Ende ein räumliches Konzept stehen soll. Sie braucht Vorbereitung, einen festen Ort im Quartier und Fachleute, die vor Ort zeichnen können.

Visionenwerkstatt

Mehrere interdisziplinäre Teams entwickeln parallel konkurrierende Visionen für dasselbe Quartier, vor Ort, mit Interviews im Vorfeld und einer öffentlichen Präsentation am Ende. Im Potsdamer Schlaatz schrieben vier Wohnungsunternehmen gemeinsam mit der Landeshauptstadt Potsdam eine solche Werkstatt mit vier Teams und offenem Ergebnis aus. Unser Team arbeitete aus einem Tiny House mitten im Quartier, führte qualitative Interviews und beobachtete den Alltag an Supermarkt, Parkplatz und Haltestelle. Am dritten Tag standen die Skizzen vor Stadt, Wohnungswirtschaft und Nachbarschaft. Was daraus wurde, Akteurskonferenzen, ein Zukunftslabor und ein Integriertes Entwicklungskonzept, steht im Fall Schlaatz.

Mikro-Werkstatt

Eine Gruppe, ein Thema, zwei Stunden. Viele davon über einen längeren Zeitraum, mit unterschiedlichen Gruppen: Gewerbetreibende, Jugendliche, Vereine, Anwohnerschaft einer Straße. In Neustadt in Holstein waren es rund 20 solcher Mikroworkshops über zwei Jahre, neben Beteiligungsformaten mit bis zu 300 Personen. Die kleine Runde erzeugt die Arbeit, die große die Legitimation. Wer nur die große macht, bekommt Reden.

Planungszelle und Bürgerrat

Zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger arbeiten über mehrere Tage an einer Frage, hören Fachleute an und geben eine Empfehlung ab. Die Planungszelle nach Peter Dienel ist die ältere Form, der Bürgerrat die heute verbreitete. Das Format passt, wenn ein Thema die ganze Stadt betrifft und die üblichen Verdächtigen nicht allein das Bild bestimmen sollen. Es braucht einen klaren Auftrag des Rats und die Zusage, die Empfehlung ernsthaft zu behandeln.

Aufsuchende Formate

Keine Werkstatt im engen Sinn, aber die Voraussetzung dafür, dass in der Werkstatt die richtigen Leute sitzen. Interviews im Supermarkt, Beobachtung an der Haltestelle, ein Stand auf dem Wochenmarkt, ein mobiles Büro im Quartier. Wer sonst nicht kommt, wird dort angesprochen, wo er oder sie ist. Methoden wie Cultural Probes oder Fly on the Wall stammen aus dem Design Thinking und passen hier direkt.

Welches Format wann passt

  • Die Richtung ist offen, die Fläche konkret: Charrette oder Visionenwerkstatt.
  • Das Thema ist festgefahren, die Stimmung schlecht: Zukunftswerkstatt, danach Mikro-Werkstätten.
  • Viele Gruppen, lange Laufzeit: Mikro-Werkstätten als Rückgrat, große Runden zum Zurückspielen.
  • Grundsatzfrage für die ganze Stadt: Bürgerrat mit klarem Auftrag.
  • Die Beteiligten sind nicht die, die kommen: erst aufsuchend, dann Werkstatt.

In der Praxis werden die Formate kombiniert. Ein Prozess beginnt aufsuchend, verdichtet in Mikro-Werkstätten, entwirft in einer Charrette und spielt in einer großen Runde zurück. Wie ein solcher Prozess als Ganzes aufgebaut ist, steht im Artikel über Innovationsprozesse in der Quartiersentwicklung; was Design Thinking dabei beiträgt, im Artikel über Design Thinking in der Stadtentwicklung.

Wie Beteiligung beschlussfähig bleibt

Das Ergebnis einer Werkstatt ist erst dann etwas wert, wenn es in Rat, Ausschuss oder Vorstand beschlossen werden kann. Dafür hat sich ein Ablauf bewährt.

  1. Verfahren klären. Welche Entscheidung steht am Ende, wer trifft sie, was ist verhandelbar und was nicht. Vor der ersten Einladung.
  2. Beteiligte erreichen. Aufsuchend, nicht nur einladend.
  3. Gemeinsam arbeiten. Werkstätten, in denen Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit an derselben Sache arbeiten. Gegensätze dürfen sichtbar werden; Konsens um jeden Preis würde alle verlieren lassen.
  4. Verdichten und zurückspielen. Ergebnisse werden zusammengeführt und den Beteiligten gezeigt, bevor sie in ein Gremium gehen. Was nicht umgesetzt wird, bekommt eine Begründung.
  5. Beschluss ermöglichen. Die Ergebnisse liegen so vor, dass daraus eine Vorlage werden kann.

Der häufigste Fehler liegt in Schritt vier. Beiträge verschwinden, niemand erfährt, was daraus geworden ist, und beim nächsten Verfahren kommt niemand mehr. Das Zurückspielen kostet einen Abend und spart das Vertrauen für die nächsten zehn Jahre.

Wer eine Werkstatt moderiert

Die Verwaltung sollte in der Werkstatt mitarbeiten und deshalb nicht moderieren. Eine externe Moderation hält die Spielregeln, lässt Gegensätze stehen und sorgt dafür, dass am Ende etwas auf dem Tisch liegt. Wer das im eigenen Haus aufbauen will, kann Teams dafür qualifizieren; wie das geht, steht im Artikel über Design Thinking in der Verwaltung. Für einzelne Verfahren bieten wir Werkstätten und Prozessbegleitung an, von der kleinen Runde bis zu Formaten mit mehreren hundert Personen: Beteiligung, die beschlussfähig bleibt.

Häufige Fragen

Wie viele Personen passen in eine Werkstatt?

Für die eigentliche Arbeit sind Gruppen bis etwa 30 Personen gut; größere Runden werden in Tische geteilt und brauchen je Tisch eine Moderation. Formate mit mehreren hundert Personen eignen sich zum Zurückspielen und Abstimmen, weniger zum Entwerfen.

Geht Bürgerbeteiligung auch online?

Teile davon: Vorbereitung, Abstimmung, Rückspielung. Für die Werkstatt selbst empfehlen wir Präsenz, weil dort die Gegensätze im Raum sind und bearbeitet werden können.

Was unterscheidet eine Zukunftswerkstatt von einer Charrette?

Die Zukunftswerkstatt arbeitet mit Kritik, Fantasie und Verwirklichung und eignet sich für festgefahrene Themen. Die Charrette entwirft räumlich, mit Fachleuten vor Ort, und eignet sich für konkrete Flächen.

Was passiert mit Beiträgen, die nicht umgesetzt werden?

Sie werden dokumentiert und mit Begründung zurückgespielt. Beteiligung verliert Vertrauen, wenn Beiträge verschwinden; deshalb gehört das Zurückspielen zum Ablauf.

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Geschrieben von Simon Steiner

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