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Design Thinking

03. Oktober 2026 · 10 Min. Lesezeit

Design Thinking in der Stadtentwicklung: Wie Quartiere entstehen, hinter denen die Stadt steht

Ein Quartier ist kein Produkt. Es hat tausend Nutzerinnen und Nutzer mit widersprüchlichen Wünschen, einen Rat, der beschließen muss, und einen Zeithorizont von Jahrzehnten. Trotzdem funktioniert Design Thinking hier erstaunlich gut, wenn man es an die Stadt anpasst. Hier steht, wie das geht, wo die Methode an Grenzen kommt und wie zwei Prozesse damit gelaufen sind.

Stadtentwicklung ist selten ein Architekturproblem. Die meisten Vorhaben hängen an etwas anderem: an Beteiligten, die Unterschiedliches wollen, an Entscheidungen, die zu früh oder zu spät fallen, und an der Frage, ob ein Plan später von den Menschen angenommen wird, für die er gemacht ist. Genau an dieser Stelle setzt Design Thinking an. Die Methode stellt die Nutzerinnen und Nutzer an den Anfang, testet Annahmen früh und billig und sorgt dafür, dass Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit an derselben Sache arbeiten. In der Stadtentwicklung braucht sie dafür ein paar Anpassungen, die in keinem Lehrbuch stehen.

Warum Pläne oft an den Menschen vorbeigehen, für die sie gemacht sind

Der klassische Weg sieht so aus: Ein Problem wird erkannt, ein Planungsbüro beauftragt, ein Entwurf erstellt, dann folgt die Beteiligung. Zu diesem Zeitpunkt steht der Entwurf schon. Die Bürgerinnen und Bürger dürfen reagieren, verändern können sie wenig. Der Widerstand, der dann kommt, hat meist einen einfachen Grund: Niemand hat vorher gefragt, was die Menschen an diesem Ort brauchen.

Dazu kommt ein zweites Muster. Die Richtung für eine Fläche wird früh festgelegt, weil Verwaltung und Politik Klarheit wollen. Ein Industriehafen, ein Wohnquartier, ein Gewerbegebiet. Diese Entscheidung fällt auf Basis von Annahmen, die nie überprüft wurden. Wenn sich die Annahmen später als falsch herausstellen, ist der Plan schon gezeichnet, das Geld schon beantragt, und die politische Bindung schon da.

Das dritte Muster ist das Gegenteil: Nichts wird entschieden, weil alle Beteiligten gute Gründe haben und niemand die Zielkonflikte sauber benennt. Der Prozess dreht sich im Kreis. Jede Beteiligungsrunde bringt neue Wünsche, keine bringt eine Entscheidungsgrundlage.

Design Thinking adressiert alle drei Muster. Es verlangt, dass man zuerst versteht, dann entwirft. Es hält die Richtung so lange offen, bis Annahmen geprüft sind. Und es verdichtet die Erkenntnisse zu etwas, worüber ein Rat abstimmen kann.

Was Design Thinking in der Stadtentwicklung anders macht

Die Phasen des Design Thinking kennt man aus der Produktentwicklung: verstehen, beobachten, verdichten, Ideen entwickeln, Prototypen bauen, testen. Auf ein Quartier übertragen, bekommen sie eine andere Gestalt.

Zum Verstehen geht man dorthin, wo der Alltag stattfindet

Im Produktdesign spricht man mit Nutzerinnen und Nutzern. In der Stadt geht man dorthin, wo der Alltag stattfindet: Supermarkt, Parkplatz, Haltestelle, Wiese. Aufsuchende Befragungen und teilnehmende Beobachtung liefern mehr als jede Online-Umfrage, weil sie auch die Menschen erreichen, die nie zu einer Bürgerversammlung kommen würden. Dazu gehören Gespräche mit Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Umfeld, denn jede dieser Gruppen hat ihre eigene Sicht auf die Fläche, und die blinden Flecken liegen meist zwischen den Gruppen.

Beobachten lohnt sich an fremden Orten

Wer immer nur den eigenen Ort anschaut, bleibt in den eigenen Denkmustern. Besuche vergleichbarer Orte, etwa anderer Häfen entlang derselben Küste, zeigen Lösungen, auf die vor Ort niemand gekommen wäre. Diese Analogie-Recherche gehört in der Stadtentwicklung zu den stärksten Werkzeugen, weil sie Konflikte entschärft: Was woanders schon funktioniert, lässt sich schwerer als Spinnerei abtun.

Beim Verdichten kommen die Zielkonflikte auf den Tisch

Aus Interviews und Beobachtungen entstehen Potenzialfelder: Treffpunkte, Gewerbe, Grün, Mobilität, Sicherheit, Image. Die eigentliche Arbeit besteht darin, die Spannungen dazwischen auszusprechen. Ruhe gegen Belebung, Verdichtung gegen Freiraum, Investoreninteresse gegen bezahlbares Wohnen. Ein Stakeholder-Mapping macht sichtbar, wer welche Seite dieser Konflikte vertritt und wer bisher gar nicht am Tisch sitzt.

Ideen entstehen gemeinsam in Werkstätten

Statt eines großen Entwurfs aus dem Büro entstehen Ideen in Werkstätten, in denen Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit am selben Tisch sitzen. Formate wie die Charrette stammen ursprünglich aus der Stadtplanung und passen deshalb besonders gut. Kleine Mikro-Workshops mit einzelnen Gruppen sind oft wirksamer als eine große Veranstaltung, weil die Leute dort offener reden.

Prototypen sind Skizzen, Modelle und Markierungen

Ein Quartier lässt sich nicht als Prototyp bauen. Was sich bauen lässt: Skizzen, Modelle, Markierungen auf dem Boden, Zwischennutzungen, ein Container an der richtigen Stelle. Ein Prototyp in der Stadtentwicklung ist alles, was eine Idee so greifbar macht, dass Menschen darauf reagieren können, bevor sie Geld und politische Bindung kostet.

Getestet wird im Quartier

Die Rückmeldung kommt aus dem Quartier, nicht aus dem Sitzungssaal. Eine öffentliche Präsentation mitten im Viertel, an der sich Nachbarschaft, Wohnungswirtschaft und Stadt beteiligen, zeigt schnell, welche Idee Zustimmung findet und welche nicht. Das Ergebnis fließt in die nächste Runde ein.

Urban Design Thinking: Woher der Begriff kommt und was er meint

Für die Übertragung von Design Thinking auf Stadt und Quartier hat sich der Begriff Urban Design Thinking etabliert. Er ist an der TU Berlin zu Hause: Dort sind ein Leitfaden zur Ko-Kreation urbaner Transformationen und ein Band über nachhaltige Stadtentwicklung durch Urban Design Thinking erschienen. Der Kern ist derselbe wie im klassischen Design Thinking, mit zwei Verschiebungen. Erstens arbeitet Urban Design Thinking mit Ko-Kreation als Grundhaltung: Die Menschen im Quartier sind Mitentwerfende, keine Befragten. Zweitens denkt es von Anfang an in Transformation, also in Prozessen über Jahre, mit Zwischenschritten, die sich im Stadtraum zeigen.

In der Praxis verschwimmen die Begriffe. Was wir in den beiden folgenden Prozessen gemacht haben, würde man heute vermutlich Urban Design Thinking nennen. Damals hieß es Design Thinking mit Ortsbegehung.

Zwei Prozesse, die wir so gelaufen sind

Neustadt in Holstein: Aus einem brachliegenden Hafen wird ein Quartier

Die Hafenwestseite von Neustadt in Holstein lag halb brach. Teile des Industriegebiets funktionierten nicht mehr, und die Richtung war offen: moderner Industriehafen, neues Quartier mit Aufenthaltsqualität oder etwas ganz anderes. Viele Akteurinnen und Akteure, viele Erwartungen, politische Reibung. Der Wille war da, was fehlte, war die saubere Sicht auf Bedürfnisse, Befürchtungen, Chancen und Zielkonflikte.

Der Prozess lief von 2014 bis 2016. Am Anfang standen Gespräche mit Bevölkerung, Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Umfeld, aufsuchende Befragungen, Interviews, Ortsbegehungen und Shadowing. Dann die Perspektive weiten: Besuche in Häfen entlang der Ostsee als Benchmark und Perspektivwechsel. Rund 20 Mikroworkshops mit lokalen Gruppen, dazu Expertinnen und Experten und die TU Berlin, testeten Annahmen schnell. Beteiligungsformate erreichten bis zu 300 Personen. Am Ende wurden die Erkenntnisse zu Leitplanken, Anforderungen und Entscheidungsvorlagen verdichtet.

Herausgekommen ist ein geteiltes Verständnis der zentralen Bedürfnisse und Konfliktlinien, robuste Leitplanken für die weitere Planung und eine Erzählung, die unterschiedliche Interessen zusammenbringt. Aus einer politisch heiklen Ausgangslage wurde eine handlungsfähige Struktur. Die Umsetzung des Hafenquartiers läuft bis 2030. Der ganze Fall steht mit Steckbrief und Vorgehen auf unserer Case-Seite.

Potsdam-Schlaatz: Ein Großwohngebiet entwirft seine eigene Zukunft

Der Schlaatz ist ein Großwohngebiet aus den 1980er Jahren im Süden Potsdams, rund 10.000 Menschen, der jüngste Stadtteil der Stadt. Vier Wohnungsunternehmen halten knapp 85 Prozent der Wohnungen. Seit 2007 lief das Programm Soziale Stadt, trotzdem galt das Viertel als Problemviertel, und die Bewohnerinnen und Bewohner beschrieben es widersprüchlich: grün, günstig, jung und gut angebunden, zugleich ohne Treffpunkte und mit Reibung in den Nachbarschaften.

Die vier Wohnungsunternehmen, zusammengeschlossen im Arbeitskreis StadtSpuren, schrieben gemeinsam mit der Landeshauptstadt Potsdam eine Visionenwerkstatt aus: vier interdisziplinäre Teams, vier Tage im Oktober 2017, offenes Ergebnis. Wir waren im Team der Tinyhouse University Berlin dabei, mit einem Tiny House als mobilem Büro mitten im Quartier.

Zuhören, bevor jemand zeichnet: qualitative Interviews im Vorfeld, teilnehmende Beobachtung dort, wo der Alltag stattfindet. Aus den O-Tönen wurden Potenzialfelder. Jede Idee musste auf zwei Ebenen etwas bewegen, baulich-räumlich und sozial-interaktiv. Prototypen entstanden als Zeichnungen und Modelle, Rückmeldungen aus dem Quartier flossen ein, am dritten Tag folgte die öffentliche Präsentation vor Stadt, Wohnungswirtschaft und Nachbarschaft.

Das Ergebnis war eine Vision unter dem Titel „Potenziale wachsen lassen“: Entwicklung entlang dessen, was im Quartier schon da ist. Eine Wasserpromenade an der Nuthe, eine Lichtpromenade durchs Quartier, begrünte Fassaden mit vorgesetzten Wintergärten, Zwischennutzungen für Gründerinnen und Gründer aus dem Viertel, und Quick Wins, die ohne Bauantrag gehen. Stadt und Wohnungsunternehmen führten den Prozess mit Akteurskonferenzen 2018, einem Zukunftslabor 2020 und dem Integrierten Entwicklungskonzept „Schlaatz_2030“ weiter. Für uns wurde aus der Idee der kleinen Gewerbe-Mall später die Kleine Zeile. Der ganze Fall steht auf der Case-Seite.

Beide Prozesse stehen auch als Blöcke in unserer Sammlung Design Thinking Beispiele aus der Praxis, zusammen mit Fällen aus Verwaltung, Sozialer Arbeit und Wirtschaft.

Wo Design Thinking in der Stadt an Grenzen kommt

Die Methode löst nicht alles. Es gibt Stellen, an denen Prozesse regelmäßig hängen bleiben, und die meisten davon haben mit der Methode wenig zu tun.

  • Beteiligung ohne Beschluss. Wer Menschen fragt und danach nichts entscheidet, verbrennt Vertrauen. Jede Beteiligungsrunde braucht von Anfang an einen Anschluss an die Gremienlogik: Welche Ergebnisse müssen wann in welcher Form vorliegen, damit ein Beschluss möglich ist.
  • Prototyp ohne Budget. Eine Zwischennutzung, die nach dem Test wieder verschwindet, weil kein Geld für den nächsten Schritt da ist, wirkt wie ein gebrochenes Versprechen. Besser klein anfangen und das Budget für die zweite Stufe vorher sichern.
  • Verwaltung nicht an Bord. Wenn der Prozess von außen kommt und die Fachämter nur zuschauen, bleibt er beim Übergang in die Planung stecken. Die Verwaltung muss mitarbeiten, nicht nur zustimmen.
  • Vergabe und Fristen. Ein offener Prozess verträgt sich schlecht mit einer Ausschreibung, die das Ergebnis schon vorgibt. Der Zuschnitt in Etappen hilft: Auftakt, dann Entscheidung über das Weitere.
  • Das Quartier ist ein System. Design Thinking fragt, was Menschen brauchen. Es fragt nicht von sich aus, warum ein Problem im Viertel immer wiederkommt. Für diese zweite Frage lohnt sich ein Blick auf Systems Thinking, das Rückkopplungen und Strukturen hinter einem Problem sichtbar macht.

Wie ein Prozess anfängt

Niemand muss sich auf zwei Jahre festlegen, um anzufangen. Der Einstieg, der sich in beiden Fällen bewährt hat, ist eine Auftakt-Werkstatt, die zwei Dinge klärt: Wer entscheidet mit, wer ist betroffen, was ist schon beschlossen. Und: Welche Annahmen über die Fläche gibt es, und welche davon hat je jemand geprüft.

Danach läuft der Prozess in Etappen. Lage aufnehmen mit aufsuchenden Befragungen und Interviews. Das Bild schärfen, bis Bedürfnisse, Befürchtungen, Chancen und Zielkonflikte sauber auf dem Tisch liegen. Optionen in Werkstätten erarbeiten, in denen Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit an derselben Sache arbeiten. Die aussichtsreichsten Optionen klein erproben. Und am Ende Ergebnisse in einer Form übergeben, die in Vorlagen, Beschlüsse und Förderanträge einfließen kann. Bestehende Planungsbüros bleiben dabei im Boot; der Prozess läuft vor und neben der Fachplanung.

Wie wir das für Städte, Gemeinden und Entwicklungsgesellschaften anbieten, steht auf der Seite Stadtentwicklung und Quartiere. Wer vor allem die Beteiligung selbst gestalten will, findet die passenden Formate unter Beteiligung, die beschlussfähig bleibt.

Drei Artikel vertiefen einzelne Seiten davon: Innovationsprozesse in der Quartiersentwicklung beschreibt das Gerüst, in dem die Methoden sitzen. Bürgerbeteiligung mit Werkstatt-Formaten stellt Zukunftswerkstatt, Charrette und Visionenwerkstatt nebeneinander. Design Thinking in der Verwaltung zeigt, wie ein Amt die Methode ins eigene Haus holt.

Methoden, die in der Stadtentwicklung besonders viel bringen

  • Cultural Probes: Bewohnerinnen und Bewohner dokumentieren ihren Alltag selbst, mit Kamera, Tagebuch oder Karte. Erreicht Menschen, die nie zu einem Workshop kämen.
  • Fly on the Wall: Beobachten, ohne einzugreifen. An der Haltestelle, auf dem Parkplatz, vor dem Supermarkt.
  • Stakeholder Map: Wer hat welches Interesse an der Fläche, wer entscheidet, wer fehlt am Tisch.
  • Charrette: Das Werkstattformat aus der Stadtplanung, in dem alle Beteiligten in kurzer Zeit gemeinsam entwerfen.
  • User Journey Mapping: Der Weg eines Menschen durchs Quartier, vom Verlassen der Wohnung bis zur Haltestelle, mit allen Stellen, an denen es hakt.

Häufige Fragen

Ersetzt Design Thinking die Stadtplanung?

Nein. Es klärt vor der Fachplanung, was ein Quartier werden soll, und übergibt Leitplanken, mit denen Planerinnen und Planer weiterarbeiten. Bestehende Büros bleiben im Boot.

Wie lange dauert ein solcher Prozess?

Das hängt vom Vorhaben ab. In Neustadt in Holstein waren es zwei Jahre mit rund 20 Mikroworkshops. In Potsdam-Schlaatz dauerte die Werkstatt vier Tage, mit Interviews im Vorfeld; der Prozess der Stadt lief danach über Jahre weiter. Ein Einstieg über eine Auftakt-Werkstatt ist innerhalb weniger Wochen möglich.

Was unterscheidet das von klassischer Bürgerbeteiligung?

Klassische Beteiligung reagiert auf einen fertigen Entwurf. Design Thinking beginnt, bevor es einen Entwurf gibt, und macht die Menschen im Quartier zu Mitentwerfenden. Die Ergebnisse sind von Anfang an so aufgebaut, dass sie als Vorlage für einen Beschluss taugen.

Passt das auch für kleine Gemeinden?

Gerade dort. Die Wege sind kurz, die Beteiligten kennen sich, und eine Auftakt-Werkstatt bringt oft schon die entscheidende Klärung. Der Zuschnitt in Etappen hält den Aufwand im Rahmen des Haushalts.

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Geschrieben von Simon Steiner

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