In Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen ist Exnovation kein abstraktes Thema. Die Zahl der Mitglieder sinkt, die Kirchensteuer wird weniger, Pfarrstellen bleiben unbesetzt, und ehrenamtliches Engagement verändert sich. Gleichzeitig stehen Kirchen, Gemeindehäuser und Pfarrhäuser, laufen Kreise und Gottesdienstformate, die vor Jahrzehnten entstanden sind, tagen Gremien in einer Zahl, für die es die Menschen nicht mehr gibt. Wer hier nur Neues anfangen will, verteilt immer weniger Kraft auf immer mehr Dinge. Exnovation, das bewusste und gestaltete Beenden, schafft den Raum, den neue Formen kirchlichen Lebens brauchen. Die Grundlagen stehen im Artikel Exnovation: Bedeutung und Herkunft.
Warum das Thema in der Kirche so weit entwickelt ist
Ein großer Teil der deutschsprachigen Arbeit zu Exnovation kommt aus dem kirchlich-diakonischen Umfeld. Das Standardwerk „Exnovation und Innovation“ von Sandra Bils und Gudrun L. Töpfer ist 2024 erschienen. Die Arbeitsstelle midi, die Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung, hat mit exmove ein umfangreiches Toolset herausgegeben und veranstaltet eine eigene Exnovations-Tagung. Dazu kommt, dass Kirchen eine reiche Sprache für Abschied, Übergang und Neubeginn haben, die sich auf Organisationen übertragen lässt.
Wofür Gemeinden und Träger Exnovation nutzen
- Gebäude. Welche Kirchen, Gemeindehäuser und Pfarrhäuser werden gebraucht, welche können aufgegeben, geteilt oder umgenutzt werden?
- Formate und Angebote. Gottesdienste, Kreise und Veranstaltungen, die nur noch wenige erreichen und viel Kraft binden.
- Gremien und Strukturen. Ausschüsse, Sitzungen und Abstimmungswege, die bei zusammengelegten Gemeinden doppelt existieren.
- Diakonische Angebote. Dienste, deren Finanzierung ausläuft, deren Zielgruppe sich verändert hat oder die andere Träger besser erbringen.
- Aufgaben von Haupt- und Ehrenamtlichen. Was muss weiter getan werden, was darf enden, damit Menschen nicht ausbrennen?
Wie ein Prozess abläuft
Bewusstsein schaffen
Die Leitfrage lautet: Was kostet es uns, so weiterzumachen wie bisher? An Zeit, an Geld, an Kraft der Ehrenamtlichen, an Möglichkeiten, die wir nicht nutzen? Dazu gehört, ausdrücklich zu würdigen, wofür das Bestehende einmal gut und wichtig war.
Kriterien und Auswahl
Der Kirchenvorstand, das Presbyterium oder die Leitung des Trägers legt fest, wonach entschieden wird: Nähe zum Auftrag, Menschen, die erreicht werden, Aufwand, Zukunftsperspektive. Dann werden Gebäude, Formate und Angebote mit einer Ampel aus Weitermachen, Anpassen und Beenden sortiert. Wie das im Einzelnen geht, steht im Artikel über Exnovation-Methoden.
Beteiligen
An jedem Kreis, jedem Gebäude, jedem Angebot hängen Menschen, oft seit Jahrzehnten. Sie gehören von Anfang an in den Prozess. Wer sie erst auf der Gemeindeversammlung erreicht, auf der das Ergebnis verkündet wird, ist zu spät. Wie Beteiligung so angelegt wird, dass am Ende ein Beschluss möglich ist, beschreibt der Artikel über Werkstatt-Formate.
Abschied gestalten
Ein letzter Gottesdienst in einer Kirche, die aufgegeben wird, ein Fest für einen Kreis, der sich auflöst, ein Dank an alle, die ein Angebot über Jahre gestaltet haben. Kirchen haben dafür Formen, die andere Organisationen erst suchen müssen.
Den Raum schützen
Was frei wird, muss nicht sofort neu gefüllt werden. Manchmal braucht eine Gemeinde nach dem Abschied eine Zeit, in der nichts Neues beginnt. Neue Formen entstehen dann oft von selbst, am Rand, bei Menschen, die bisher keinen Platz hatten.
Typische Fallen
- Exnovation als Sparprogramm. Wenn der Begriff nur dazu dient, Kürzungen freundlicher zu verpacken, verliert er seine Wirkung.
- Entscheidung von oben, Ritual von unten. Ein Abschiedsgottesdienst kann eine Entscheidung nicht heilen, an der niemand beteiligt war.
- Beenden ohne Perspektive. Wer nur aufhört, ohne zu sagen, wofür Raum entsteht, nimmt den Menschen die Hoffnung.
- Alles auf einmal. Gebäude, Gremien und Gottesdienste gleichzeitig überfordern jede Gemeinde.
Wie wir dabei arbeiten
Wir moderieren Exnovations-Werkstätten für Gemeinden, Kirchenkreise und diakonische Träger und begleiten Beteiligungsprozesse rund um Gebäude, Angebote und Strukturen. Für den kirchlichen Kontext empfehlen wir als Grundlage das Buch von Bils und Töpfer und das Toolset exmove. Unsere Formate stehen auf der Seite Exnovation, die Angebote für soziale Organisationen unter TfT Impact. Gemeinnützige Träger zahlen bei uns 20 Prozent weniger. Wie diakonische Träger neue Angebote entwickeln, steht im Artikel über Design Thinking in der Sozialwirtschaft.
Häufige Fragen
Welches Buch gibt es zu Exnovation in der Kirche?
„Exnovation und Innovation. Synergie von Ende und Anfang in Veränderungen“ von Sandra Bils und Gudrun L. Töpfer, erschienen 2024 bei Schäffer-Poeschel. Dazu bietet die Arbeitsstelle midi das Toolset exmove an.
Ist Exnovation ein anderes Wort für Rückbau?
Wenn sie gut gemacht ist, geht es um den Auftrag: Was dient ihm heute, was bindet Kraft, die woanders gebraucht wird? Rückbau kann ein Ergebnis sein. Der Maßstab ist der Auftrag.
Wie lange dauert ein Exnovationsprozess in einer Gemeinde?
Eine erste Werkstatt mit Ampel und Kriterien dauert einen Tag. Bei Gebäuden und Strukturen zieht sich der Prozess über Monate, weil Gremien entscheiden und Gemeinden beteiligt werden müssen.