Organisationen haben gelernt, Innovation zu organisieren. Es gibt Innovationsabteilungen, Ideenwettbewerbe, Labore, Methoden. Für das Aufhören gibt es kaum etwas davon. Das Ergebnis kennt jede und jeder, die in einer größeren Organisation arbeitet: Das neue Tool kommt dazu, das alte bleibt. Das neue Format startet, das alte läuft weiter. Am Ende arbeiten alle an mehr Dingen gleichzeitig und haben für keines richtig Zeit. Exnovation, das bewusste Beenden, ist die fehlende zweite Hälfte. Was der Begriff bedeutet, steht im Artikel Exnovation: Bedeutung und Herkunft.
Innovation allein räumt nicht auf
Ein Arbeitspapier des Öko-Instituts aus dem Jahr 2016 zitiert den Ökonomen Niko Paech: Die Frage „Wie kommt das Neue in die Welt?“ brauche die Ergänzung „Wie kommt das Alte, ehemals Innovative, inzwischen aber zum Problem Gediehene, wieder schadlos aus der Welt?“. Als Beleg dient die Energiewende: Der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Strommix stieg von rund 3 Prozent 1990 auf über 30 Prozent 2015, die Anteile von Braun- und Steinkohle blieben relativ konstant. Der Nachhaltigkeitsforscher Martin David nennt die Neigung, nur auf das Neue zu schauen, einen Innovations-Bias.
Dasselbe Muster zeigt sich in Unternehmen, Verwaltungen und Verbänden. Ressourcen sind endlich. Wer immer nur hinzufügt, verteilt sie auf immer mehr Dinge, bis das Neue nicht mehr genug davon bekommt, um zu wachsen.
Der adaptive Zyklus
Das bekannteste Modell für das Zusammenspiel von Neuem und Altem stammt aus der Ökologie. Der Resilienzforscher C. S. Holling beschrieb den adaptiven Zyklus, ausgearbeitet im Buch „Panarchy“ (Gunderson und Holling, 2002). Er hat vier Phasen:
- Wachstum. Pionierpflanzen besiedeln eine freie Fläche. In Organisationen: Gründung, Experiment, schnelles Wachstum.
- Erhaltung. Der Wald wird dicht und stabil, aber starr. In Organisationen: Prozesse, Effizienz, wachsende Unbeweglichkeit.
- Freisetzung. Ein Sturm oder Brand setzt die gebundenen Ressourcen frei. In Organisationen: Krise, Abbruch oder eben Exnovation.
- Erneuerung. Auf der freien Fläche ordnet sich das System neu, und der Zyklus beginnt von vorn.
Das Modell zeigt, dass Freisetzung zum Zyklus gehört. Ein System, das nur wächst und erhält, wird so starr, dass es irgendwann unkontrolliert zusammenbricht. Exnovation ist der Versuch, die Freisetzung zu gestalten, bevor die Krise sie erzwingt. In der deutschsprachigen Beratungsliteratur taucht der Zyklus oft ohne Herkunft auf. Die Quelle ist die ökologische Resilienzforschung.
Two Loops und X-Kurve
Das Two-Loops-Modell des Berkana Institute, beschrieben von Margaret Wheatley und Deborah Frieze, zeigt zwei Kurven: Das bestehende System steigt, erreicht seinen Höhepunkt und fällt, während ein neues System am Rand entsteht und wächst. Das Modell gibt dem Aufhören eine Rolle. Neben den Pionieren, die das Neue bauen, braucht es Menschen, die das Alte würdevoll zu Ende begleiten.
Die X-Kurve des Forschungsinstituts DRIFT an der Erasmus-Universität Rotterdam, veröffentlicht 2022 in der Fachzeitschrift Sustainability Science, buchstabiert beide Bewegungen aus. Die aufsteigende Kurve führt vom Experiment über Beschleunigung bis zur Institutionalisierung, die absteigende von Optimierung über Destabilisierung und Chaos bis zum Ausstieg. Das hilft Organisationen, ihre Lage genauer zu benennen, etwa als Destabilisierung, bevor alles nach Chaos aussieht. Und es macht sichtbar, dass beide Kurven gleichzeitig laufen.
Das Dilemma der Erfolgreichen
Clayton Christensen beschrieb mit dem Innovator's Dilemma, warum erfolgreiche Unternehmen neue Technologien verpassen. Bils und Töpfer übertragen den Gedanken auf das Aufhören: Wer in einer Sache besonders erfolgreich ist, kann sie am schlechtesten beenden, weil Kompetenz, Identität und Ansehen daran hängen. Deshalb kommt der Anstoß zur Exnovation oft von außen oder vom Rand der Organisation.
Was daraus für die Praxis folgt
- Jede Einführung braucht eine Ausstiegsfrage. Was hören wir auf, wenn wir das hier anfangen? Die Frage gehört in jeden Projektantrag.
- Portfolios brauchen regelmäßige Pflege. Einmal im Jahr wird alles, was läuft, mit der Ampel aus Weitermachen, Anpassen und Beenden geprüft. Wie das geht, steht im Artikel über Exnovation-Methoden.
- Neues und Altes brauchen verschiedene Logiken. Organisationen, die ihr Kerngeschäft pflegen und zugleich Neues bauen, nennt die Forschung ambidexter. Mehr dazu im Artikel über organisationale Ambidextrie.
- Aufhören ist eine Entscheidung unter Ungewissheit. Ob es richtig war, zeigt sich erst später. Die Effectuation-Forschung bietet dafür eine Heuristik: den leistbaren Verlust. Was können wir uns leisten zu verlieren, wenn wir aufhören, und was, wenn wir weitermachen? Mehr im Artikel über die Effectuation-Prinzipien.
- Der frei gewordene Raum braucht Schutz. Nach dem Beenden darf eine Lücke bleiben. Wer sie sofort füllt, verschenkt den Gewinn.
Wie wir dabei arbeiten
Wir begleiten Organisationen bei Innovation und bei der anderen Hälfte: Werkstätten, in denen Teams ihr Portfolio sortieren, Begleitung beim Ausstieg und Vorträge für Führungskreise, die verstehen wollen, warum ihre Organisation immer breiter wird. Die Formate stehen auf der Seite Exnovation, unsere Innovationsberatung auf der Seite Innovationsberatung.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Innovation und Exnovation?
Innovation bringt Neues in eine Organisation, Exnovation beendet Bestehendes bewusst. Beide gehören zusammen, weil Neues Ressourcen braucht, die das Alte gebunden hält.
Was ist der adaptive Zyklus?
Ein Modell aus der ökologischen Resilienzforschung von C. S. Holling mit vier Phasen: Wachstum, Erhaltung, Freisetzung und Erneuerung. Es zeigt, dass Freisetzung zum Leben eines Systems gehört.
Was ist das Exnovator's Dilemma?
Der von Bils und Töpfer beschriebene Effekt, dass Organisationen gerade das am schwersten beenden können, worin sie besonders erfolgreich sind, weil ihre Kompetenz und Identität daran hängen.