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Innovationsmethoden

03. Oktober 2026 · 6 Min. Lesezeit

Exnovation: Bedeutung, Herkunft und wie Organisationen bewusst aufhören

Organisationen lernen ständig, Neues einzuführen. Wie man Altes gezielt beendet, lernen sie kaum. Exnovation ist der Begriff für diesen bewussten, gestalteten Ausstieg aus Produkten, Abläufen, Strukturen und Gewohnheiten. Hier steht, was Exnovation bedeutet, woher der Begriff kommt, warum Aufhören so schwerfällt und wie Organisationen es angehen.

Exnovation bedeutet, etwas Bestehendes bewusst und geplant zu beenden: ein Produkt, ein Angebot, einen Ablauf, eine Software, eine Regel, ein Gremium, manchmal eine ganze Organisation. Das Wort ist als Gegenstück zu Innovation gebildet. Innovation bringt Neues in eine Organisation, Exnovation nimmt Altes heraus, damit Zeit, Geld und Aufmerksamkeit für das frei werden, was heute gebraucht wird.

Der Begriff ist über vierzig Jahre alt. Dass er erst jetzt in Organisationen ankommt, hat einen einfachen Grund: Die meisten haben in den letzten Jahrzehnten vor allem hinzugefügt. Neue Tools, neue Formate, neue Gremien, neue Projekte. Beendet wurde selten, und wenn, dann als Sparprogramm oder nach einer Krise.

Was Exnovation bedeutet

Es gibt mehrere Definitionen, die sich in der Reichweite unterscheiden.

  • Organisational. Der US-Organisationsforscher John R. Kimberly beschrieb Exnovation 1981 als das Entfernen einer Innovation aus einer Organisation, die sie zuvor eingeführt hatte.
  • Politisch. Das Öko-Institut versteht Exnovation als Prozess, in dem etwas Bestehendes vollständig aus dem System geführt wird, etwa beim Ausstieg aus Kohle, Atomkraft oder schädlichen Stoffen.
  • Systemisch. Sandra Bils und Gudrun L. Töpfer beschreiben Exnovation in ihrem Buch von 2024 als absichtsvolles Reduzieren oder Zurücknehmen von Produkten, Technologien, Praktiken oder Strukturen und prägen dafür den Ausdruck „selektive Kontinuität“: Eine Organisation entscheidet bewusst, was sie weiterführt, und hört mit dem Rest auf.

Der letzte Gedanke ist für die Praxis der hilfreichste. Er dreht die Beweislast um. Die Frage lautet dann: Warum führen wir das weiter?

Exnovation auf Deutsch

Eine feste deutsche Übersetzung gibt es nicht. Gebräuchlich sind „gestalteter Ausstieg“, „bewusstes Beenden“ oder das Verb „exnovieren“. In der Politik ist von Ausstieg oder Phase-out die Rede, im Gesundheitswesen von De-Implementierung, in der Organisationsentwicklung manchmal von Sunsetting, wenn eine ganze Organisation endet.

Woher der Begriff kommt

Nach Kimberly blieb der Begriff lange liegen. Dasselbe Phänomen lief unter vielen Namen: Abbruch, Einstellung, Rückzug, De-Implementierung, Verlernen. Wer dazu forschte, fand die Arbeit der anderen kaum. Ab etwa 2010 griff die Nachhaltigkeitsforschung den Begriff auf, weil der Klimaschutz eine Frage aufwarf, die Innovation allein nicht beantwortet: Wie kommt eine Gesellschaft aus Kohle, Verbrennungsmotor und fossiler Infrastruktur heraus? 2016 machte ein Arbeitspapier des Öko-Instituts den Begriff in der deutschsprachigen Politikdebatte bekannt. Mit dem Buch von Bils und Töpfer kam 2024 der erste deutschsprachige Methodenteil für Organisationen dazu.

Exnovation und Innovation

Das Öko-Institut zitiert in seinem Papier den Ökonomen Niko Paech: Das Innovationsmotto „Wie kommt das Neue in die Welt?“ brauche die Ergänzung „Wie kommt das Alte, ehemals Innovative, inzwischen aber zum Problem Gediehene, wieder schadlos aus der Welt?“. Das Papier liefert auch ein Beispiel dafür, was ohne diese zweite Frage passiert: Der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Strommix stieg von rund 3 Prozent 1990 auf über 30 Prozent 2015, während die Anteile von Braun- und Steinkohle relativ konstant blieben. Das Neue kam dazu, das Alte blieb.

In Organisationen ist das Muster vertraut. Das neue Projektmanagement-Tool wird eingeführt, das alte läuft weiter. Ein neues Format startet, das alte hat nie jemand beendet. Innovation ohne Exnovation baut Parallelstrukturen. Wie beide zusammenhängen und welche Modelle das beschreiben, steht im Artikel über Exnovation und Innovation.

Warum Aufhören so schwerfällt

Die Forschung kennt einen Status-quo-Bias: Menschen bleiben lieber beim Bekannten. Für das Aufhören beschreiben Knudsen und andere einen eigenen, spiegelbildlichen Effekt, den Anti-Exnovation-Bias. Er speist sich aus mehreren Quellen.

  • Pfadabhängigkeit. Verträge, Investitionen, Routinen und Gewohnheiten halten das Bestehende fest.
  • Versunkene Kosten. „Da haben wir so viel hineingesteckt“ ist eines der häufigsten Argumente fürs Weitermachen.
  • Verlustaversion. Wer etwas verliert, wehrt sich stärker, als die sich einsetzen, die gewinnen würden. Die Kosten des Aufhörens sind konkret, der Nutzen liegt in der Zukunft.
  • Aufhören gilt als Scheitern. In vielen Organisationen wird belohnt, wer etwas startet. Wer etwas beendet, muss sich erklären.
  • Abschied tut weh. An Projekten und Angeboten hängen Menschen, ihre Arbeit, ihr Status, oft ihre Identität.

Was Exnovation nicht ist

Exnovation ist ein anderes Vorgehen als ein Sparprogramm. Ein Sparprogramm fragt, was weg kann, damit die Zahlen stimmen. Exnovation fragt, was zum Zweck der Organisation gehört und was nicht mehr. Wer den Begriff für Stellenabbau verwendet, verbrennt ihn in der eigenen Belegschaft.

Exnovation reicht auch weiter als Verlernen. Verlernen verändert Denkweisen, Exnovation verändert Strukturen, Budgets und Verträge. Beides gehört zusammen; den Unterschied beschreibt der Artikel über organisationales Verlernen. Bei der kreativen Zerstörung, die der Ökonom Joseph Schumpeter beschrieb, verdrängt der Markt das Alte ungeplant. Exnovation ist der beabsichtigte, gestaltete Fall.

Wie Organisationen exnovieren

Bils und Töpfer beschreiben drei Momente, in denen Exnovation geschieht, und daraus lassen sich die Aufgaben ableiten.

Bewusstsein schaffen

Am Anfang steht die Erkenntnis, dass etwas so nicht weitergeht. Die Leitfrage dafür lautet: Was kostet es uns, so weiterzumachen wie bisher? Wer das ehrlich beantwortet, sieht oft zum ersten Mal, wie viel Zeit in Dingen steckt, die niemand mehr gewählt hätte.

Auswählen

Mit klaren Kriterien wird entschieden, was weitergeht, was angepasst und was beendet wird: Wirkung im Verhältnis zum Aufwand, Nähe zum Kern der Organisation, Zukunftspotenzial, gebundene Ressourcen. Ein einfaches Werkzeug ist die Ampel aus Weitermachen, Anpassen und Beenden.

Abschied gestalten

Ist entschieden, muss das Alte tatsächlich gehen, meist schrittweise und mit Enddatum. Dazu gehört, Betroffene einzubinden, zu würdigen, wofür das Alte einmal gut war, und den Abschied bewusst zu begehen. Diesen Teil deckt klassisches Change-Management selten ab.

Methoden für alle drei Schritte stehen im Artikel über Exnovation-Methoden, das konkrete Vorgehen beim Beenden eines Projekts im Artikel Projekte beenden.

Beispiele

Der Schokoladenhersteller Zotter hat auf seinem Gelände in der Steiermark einen Ideenfriedhof, auf dem Sorten „beerdigt“ sind, die es nicht mehr gibt. Der Glühbirnen-Ausstieg der EU, das Ende des Atomstroms in Deutschland und der Kohleausstieg sind politische Exnovationen. In der IT ist der geplante Ausstieg aus einer Software bei ihrer Einführung oft schon mitgedacht. Diese und weitere Fälle stehen im Artikel über Exnovation-Beispiele.

Wo Exnovation gebraucht wird

  • In Unternehmen beim Produkt- und Projektportfolio, bei Tools, Berichten und Meetings. Wie größere Veränderungen angelegt werden, steht im Artikel über Transformation im Mittelstand.
  • In Verwaltungen bei Aufgaben, Formularen und Verfahren, die geblieben sind, obwohl ihr Anlass weg ist. Die Verwaltung kennt dafür den Begriff der Aufgabenkritik. Mehr im Artikel über Verwaltungstransformation.
  • In Kirche und Diakonie, wo Ressourcen sichtbar schrumpfen und das Thema am weitesten entwickelt ist. Mehr im Artikel über Exnovation in Kirche und Diakonie.
  • In der Sozialwirtschaft bei Angeboten, deren Förderung endet oder deren Zielgruppe sich verändert hat.
  • An Hochschulen bei Studiengängen, Modulen und Gremien, die über Jahre gewachsen sind.

Wie wir dabei arbeiten

Wir begleiten Organisationen beim bewussten Beenden, von der Werkstatt, in der ein Team sein Portfolio sortiert, bis zur Begleitung eines Ausstiegs mit Abschied. Wir verbinden dabei die Ressourcenfrage mit dem, was die Organisationsforschung über Aufhören weiß, und mit Effectuation, deren Prinzip des leistbaren Verlusts auch eine Hilfe beim Aufhören ist. Die Formate stehen auf der Seite Exnovation.

Häufige Fragen

Was ist Exnovation einfach erklärt?

Das bewusste, geplante Beenden von etwas Bestehendem, damit Ressourcen für Neues frei werden. Das Gegenstück zur Innovation.

Wer hat den Begriff Exnovation geprägt?

Der Organisationsforscher John R. Kimberly im Jahr 1981. Bekannt wurde der Begriff im deutschsprachigen Raum durch die Nachhaltigkeitsforschung und das Buch „Exnovation und Innovation“ von Sandra Bils und Gudrun L. Töpfer.

Ist Exnovation dasselbe wie Sparen?

Exnovation fragt nach dem Zweck: Was gehört zum Kern, was nicht mehr? Dabei wird oft Geld frei. Das ist eine Folge, das Kriterium bleibt der Zweck.

Welches Buch gibt es zu Exnovation?

Das deutschsprachige Standardwerk ist „Exnovation und Innovation. Synergie von Ende und Anfang in Veränderungen“ von Sandra Bils und Gudrun L. Töpfer, erschienen 2024 bei Schäffer-Poeschel. Für die politische Seite lohnt das frei verfügbare Arbeitspapier „Exnovation“ von Dirk Arne Heyen beim Öko-Institut.

Für eure Organisation

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Geschrieben von Simon Steiner

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