Eine soziale Innovation ist eine neue Antwort auf eine soziale Frage, die besser funktioniert als die bisherigen. Das kann ein Angebot sein, eine Organisationsform, eine Art der Zusammenarbeit oder eine Regel. Friedrich Fröbel gründete 1840 den ersten Kindergarten, im 19. Jahrhundert entstanden die Genossenschaften als Antwort auf Kreditnot und Abhängigkeit, später kamen Mikrokredite, Carsharing und Mehrgenerationenhäuser. Allen gemeinsam ist, dass sie klein angefangen haben und erst mit der Zeit selbstverständlich wurden. Die Bundesregierung hat 2023 eine eigene Strategie für soziale Innovationen und gemeinwohlorientierte Unternehmen beschlossen, und viele Förderprogramme fragen inzwischen ausdrücklich nach dem innovativen Gehalt eines Vorhabens.
Wo soziale Innovationen entstehen
Oft bei den Menschen, die ein Problem jeden Tag sehen: Fachkräften in der Pflege, Sozialarbeiterinnen, Ehrenamtlichen, Betroffenen selbst. Sie haben die Ideen, aber selten die Zeit, das Geld und die Methoden, um daraus ein erprobtes Angebot zu machen. Träger, Sozialunternehmen, Genossenschaften und Verwaltungen können diesen Weg organisieren. Dafür braucht es einen Prozess, der in Organisationen mit knappen Mitteln und hohem Alltagsdruck funktioniert.
Wie ein Innovationsprozess in einer sozialen Organisation aussieht
Das Problem mit den Betroffenen verstehen
Gespräche mit den Menschen, um die es geht, und mit allen, die mit ihnen arbeiten: Klientinnen, Angehörige, Fachkräfte, Kostenträger. Ihre Bedürfnisse widersprechen sich oft, und dort liegen die interessanten Stellen. Werkzeuge dafür kommen aus dem Design Thinking; wie sie in der Sozialwirtschaft eingesetzt werden, steht im Artikel über Design Thinking in der Sozialwirtschaft.
Das System sehen
Soziale Probleme haben selten eine einzige Ursache. Wer verstehen will, warum ein Angebot nicht ankommt, muss Wechselwirkungen sehen: zwischen Finanzierung, Zuständigkeiten, Lebenslagen und Gewohnheiten. Eine Einführung in dieses Denken gibt der Artikel Systems Thinking.
Mit dem anfangen, was da ist
Soziale Organisationen haben selten Budget für Entwicklung. Sie haben Menschen, Räume, Netzwerke und Vertrauen. Ein Vorgehen, das mit diesen Mitteln startet und Partner gewinnt, die eigene Mittel einbringen, kommt schneller ins Tun als eines, das auf die große Förderung wartet. Die Forschung nennt das Effectuation; Beispiele stehen im Artikel Effectuation-Fallbeispiele.
Klein erproben und Wirkung zeigen
Ein Prototyp des Angebots, mit wenigen Teilnehmenden, über einige Wochen. Gemessen wird, ob es die Menschen erreicht, für die es gedacht ist, und was sich für sie verändert. Diese Belege braucht es später für Förderer und Kostenträger.
Verstetigen und verbreiten
Hier gehen die meisten sozialen Innovationen verloren. Ein Projekt läuft drei Jahre mit Förderung, wirkt, und endet, weil niemand die Regelfinanzierung übernimmt. Wer das verhindern will, denkt den Übergang von Anfang an mit: Wer bezahlt das Angebot, wenn es funktioniert? Welche Rechtsform, welches Geschäftsmodell, welche Partner braucht es? Lässt es sich an andere Orte übertragen, als Lizenz, als Netzwerk, als Handbuch?
Fälle aus unserer Arbeit
Für die Wir bauen Zukunft eG haben wir im Förderprogramm „Nachhaltig Wirken“ ein Reallabor-Programm für Sozialunternehmen entwickelt, in dem Methodenwissen direkt in Umsetzung übergeht: Module, Experimente im eigenen Betrieb, Buddys, Reflexion. Daraus wurde ein wiederholbares Programm. Der Fall und der Artikel über Transformation in Sozialunternehmen und Genossenschaften beschreiben es.
Für die Diakonie Nord Nord Ost haben wir Recruiting als gestaltbaren Prozess entwickelt, mit Interviews unter Pflegekräften, einem „Recruiting Tree“ und einem „Jobwechselkit“. Damit wurden rund 150 Pflege- und Fachkräfte für einen neuen Pflegecampus gewonnen. Der Fall zeigt, wie eine Organisation eine soziale Frage, den Fachkräftemangel, von den Betroffenen her angeht.
Woran soziale Innovationen hängen bleiben
- Die Lösung steht vor dem Problem. Ein Angebot, das am Schreibtisch entworfen wurde, erreicht die Menschen nicht, für die es gedacht ist.
- Projektlogik ohne Anschluss. Förderung für drei Jahre, danach nichts. Der Übergang in die Regelfinanzierung muss von Anfang an Thema sein.
- Wirkung wird nicht belegt. Ohne Daten zur Wirkung überzeugt eine gute Idee keinen Kostenträger.
- Nichts beenden. Wer nur neue Angebote startet und alte nie abschließt, verteilt knappe Kräfte auf immer mehr. Mehr dazu im Artikel über Exnovation.
- Alles selbst machen. Organisationen, die Partner früh einbinden, Kommunen, Unternehmen, andere Träger, kommen weiter als Einzelkämpfer.
Wie wir dabei arbeiten
Wir begleiten Träger, Sozialunternehmen, Genossenschaften und Vereine bei Innovationsprozessen, bei der Arbeit am Geschäftsmodell unter Gemeinwohl-Logik und bei der Strategieentwicklung mit Effectuation. Die Formate stehen unter TfT Impact. Was nachhaltige Innovation für Unternehmen bedeutet, beschreibt der Artikel über nachhaltige Innovation, wie soziale Organisationen KI für sich nutzen, der Artikel über KI in der Sozialwirtschaft.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen sozialer Innovation und Sozialunternehmen?
Soziale Innovation beschreibt eine neue Lösung, Sozialunternehmen beschreibt eine Organisationsform, die eine gesellschaftliche Wirkung mit unternehmerischen Mitteln verfolgt. Viele soziale Innovationen kommen aus Sozialunternehmen, aber auch aus Wohlfahrtsverbänden, Verwaltungen und Unternehmen.
Wie wird soziale Innovation finanziert?
Am Anfang oft über Förderprogramme und Stiftungen, später über Kostenträger, Kommunen, eigene Einnahmen oder Mischformen. Welcher Weg passt, hängt vom Angebot ab und sollte früh geklärt werden.
Wie lange dauert es, eine soziale Innovation zu entwickeln?
Ein erster Prototyp lässt sich in wenigen Monaten erproben. Bis ein Angebot verstetigt und verbreitet ist, vergehen Jahre.